Bonner General-Anzeiger am 15. Oktober 2019: Abschied von der kleinen Pauline. Judith Grümmer produziert Familienhörbücher für schwer kranke Mütter und Väter

Botschaften hinterlassen: Audiobiografin Judith Grümmer lässt sich die Lebensgeschichte der Frau erzählen.

Von Ebba Hagenberg-Miliu

Bonn. „Liebe Pauline“, beginnt die sanfte Frauenstimme die Audioaufnahme. „Ich weiß nicht, wann du dir dieses Hörbuch anhörst. Aber ich würde mir wünschen, dass du das gemeinsam mit dem Papa machst“, fährt die Frau fort und erzählt dann, untermalt von klassischer Musik, von ihrer Kindheit, von Urlauben, der Tanzstunde, ihrer Freude am Musizieren, wie sie Paulines Vater kennenlernte, heiratete und Pauline gebar. Die Medizinjournalistin Judith Grümmer stoppt die Aufnahme, aus der sie 2014 das erste Produkt ihres Herzensprojekts „Familienhörbuch“ geschnitten hat.

Paulines schwerkranke Mutter sei kurz nach der Fertigstellung gestorben, sagt Grümmer und lässt das Band wieder laufen. Nun kündigt die sanfte Frauenstimme an, sie erzähle viele lustige Geschichten. Aber auch: „Es gibt die Kapitel mit Karl, dem Krebs. Und die sind vielleicht nicht so lustig. Und da würde ich mir wünschen, dass ihr die zusammen anhört, in Momenten, in denen ihr das aushalten könnt“, so lautet die Botschaft an ihren Mann und die kleine Tochter. Die Hörfunkjournalistin Grümmer produziert seit 2004 Familienhörbücher. „Und zwar zuerst nach dem Motto: Oma, erzähl mal.“ Irgendwann sei ihr klar geworden, dass es für eine andere Zielgruppe wohl noch wichtiger sein könnte, gerade ihre Stimme zu hinterlassen. „Seither mache ich Zukunftsgeschenke für früh verwaiste Kinder als therapiebegleitendes Angebot“, sagt die Journalistin.

Sie nehme also die Erzählungen schwer erkrankter Mütter und Väter im Rahmen eines Forschungsprojektes der Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Bonn auf. „Ich bin dabei keine Therapeutin, sondern höre zu wie etwa eine Person, der man auf einer Zugfahrt sein Leben erzählt und die man dann nie wiedersieht.“ Schwerstkranke könnten für ihre kleinen Kinder ein Stück Lebensweg mit dem Mikrophon nachzeichnen, dank der Förderung der Rhein-Energie-Stiftung bis zum März 2020 kostenfrei.

„Ich komme überall hin: nach Hause, in die Klinik, ins Hospiz oder wir treffen uns in der Eifel. Wir arbeiten, wenn es geht, drei Tage. Und dann produziere ich das Ganze so schnell wie möglich.“ Damit das Hörbuch nach rund 100 Arbeitsstunden noch vor dem Tod überreicht werden kann. Grümmer hat selbst eine Fortbildung in „Palliative Care“ absolviert. Derzeit bildet sie weitere Audiobiografen aus. „Ich werde bundesweit von Anfragen überrollt, bin aber immer noch ein Eine-Frau-Team.“ Parallel dazu ist Grümmer dabei, eine gemeinnützige GmbH zu gründen, damit das Projekt nach der Anschubfinanzierung durch die Stiftung weiterhin kostenfrei angeboten werden kann. „Schwerstkranke, die schnell nur noch vom Krankengeld leben, können nicht noch Extragelder freimachen. Deshalb muss ich Sponsoren suchen“, begründet Grümmer ihr Zukunftsprojekt.

Die Palliativpatientin in ihrer Aufnahme von 2014 betont am Ende ganz langsam, dass ihre kleine Pauline seit der furchtbaren Diagnose eine „ganz tolle Medizin“ gewesen sei. Und es bricht dem Zuhörer das Herz. Das Mädchen möge also sicher sein, dass bei der sterbenden Mutter „alles nicht ganz so düster“ gewesen sei.

Pauline möge die Aufnahme „als Schatzkästchen“ ein Leben lang bewahren, wünscht sich die Frau, deren sanfte Stimme hier doch fast zu brechen droht. Und dann findet die Todkranke doch wieder zu ihrem beruhigenden Ton zurück. Pauline werde später alles verstehen, was ihr hier erzählt werde, ist die Mutter sich sicher. „Wenn du vielleicht einmal selbst Kinder hast.“